Wendepunkte

Daten zur Geschichte Ermlands

 
Nachdem 1231 die ersten Ritterbrüder des Deutschen Ordens mit der Eroberung Preußens und des Kulmer Landes begonnen hatten, nahm Papst Gregor IX. 1234 die zu christianisierenden Länder als Eigentum des Heiligen Petrus in seinen Schutz und übertrug sie den Brüdern mit allen Rechten und Einkünften. Der Papst behielt sich aber die Entscheidung über den Bau von Kirchen, die Einsetzung von Bischöfen und ihre angemessene territoriale Ausstattung vor. Im August 1243 ließ Papst Innocenz IV. durch seinen Legaten Wilhelm von Modena das Gebiet in vier Bistümer einteilen. Die Diözese Ermland erhielt ihren Namen von der alten prußischen Landschafts und Stammesbezeichnung Warmia.
Der erste Bischof von Ermland, Anselm (1250–1278), erhielt vom Deutschen Orden 1254 das Gebiet um die späteren Kreise Braunsberg, Heilsberg, Rössel und Allenstein als Stiftsgebiet mit allen landesherrlichen Rechten (später Fürstbistum). 1260 gründete Anselm ein Domkapitel, dem er ein Drittel des Hochstifts übergab (die späteren Kammerämter Frauenburg, Mehlsack und Allenstein) und das seinen Sitz ab 1288 in Frauenburg am Frischen Haff hatte. Es umfasste 16 Mitglieder. Als einziges preußisches Domkapitel war es nicht der Regel des Deutschen Ordens unterworfen. Dadurch gehörten auch die ermländischen Bischöfe zumeist nicht dem Deutschen Orden an, was eine wesentliche Grundlage für die ermländische Selbständigkeit und Sonderstellung innerhalb des Ordenslandes Preußen wurde.

Die im Laufe des 15. Jahrhunderts zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen dem Deutschen Orden und den im „Preußischen Bund“ zusammengeschlossenen Ständen und Städten des Landes gipfelten 1454 in einem dreizehn Jahre dauernden Krieg, in dem die Stände vom polnischen König unterstützt wurden. Das vom Orden relativ unabhängige Ermland versuchte zunächst, neutral zu bleiben. 1464 schloss Bischof Paul von Legendorf einen Waffenstillstand mit dem Preußischen Bund und nahm den polnischen König anstelle des Ordens als neuen Schirmherrn des Fürstbistums an. Im Zweiten Thorner Frieden 1466 wurde das Ordensland politisch geteilt: Das Kulmer Land, Pomerellen, die Michelau sowie das Gebiet um Marienburg bildeten fortan unter der Schutzherrschaft des polnischen Königs ein eigenständiges „Preußen Königlichen Anteils“. Der Hochmeister gab seine Schutzrechte über das Bistum Ermland auf.

1477 schloss Bischof Nikolaus von Tüngen einen Schutzvertrag mit dem König von Ungarn, was zu einem Krieg mit Polen führte („Pfaffenkrieg“ 1478/79). Nach der Niederlage mussten Bischof und Domkapitel 1479 im 1. Petrikauer Vertrag zusagen, dass künftig jeder Bischof und Domherr sowie deren Untertanen dem polnischen König einen Treueid leisteten.

Seit 1521 wurden die reformatorischen Ideen Martin Luthers in Preußen durch zahlreiche Prediger verbreitet. Auch Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach war der neuen Lehre zugetan. Im Januar 1524 führte Bischof Georg von Samland die Reformation in seinem Bistum ein. Mit Unterstützung des polnischen Königs Sigismund bemühte sich der ermländische Bischof Mauritius Ferber zwar, die Reformation zunächst einzudämmen. Doch trotz harter Strafmaßnahmen fand die neue Lehre vor allem in den Städten und unter den Adligen großen Anklang. Im April 1525 legte Albrecht von Brandenburg sein Ordensgewand ab und empfing vom polnischen König das Ordensland als weltliches Lehen. Im Juli 1525 verkündete er ein Reformationsmandat für sein Herzogtum.

Diözese und Hochstift Ermland um 1500
(Karte aus: Atlas zur Kirchengeschichte - Hl. Römisches Reich - Deutschsprachige Länder)

Durch die Reformation und Säkularisierung des Ordenslandes war Preußen nach der politischen Teilung von 1466 fortan auch konfessionell geteilt. Im Fürstbistum Ermland und in den anderen Teilen des Königlichen Preußens konnte sich die Reformation durch den Widerstand des polnischen Königs und dank der erfolgreichen Gegenwehr der ermländischen Bischöfe kaum durchsetzen.

Auch im wissenschaftlichen Bereich brachte die Reformationszeit neue Ideen hervor. Nicolaus Copernicus (1473–1543), ein Neffe des ermländischen Bischofs Lukas Watzenrode und seit 1510 Domherr von Ermland, entwickelte in seinem Frauenburger Observatorium die Theorie, daß im Mittelpunkt der Welt nicht die Erde, sondern die Sonne stehe, um die sich die Planeten auf elipsenförmigen Bahnen drehen.
Mit dem Amtsantritt von Stanislaus Hosius, des ersten in der Reihe der polnischen Bischöfe auf dem Stuhl von Ermland (bis 1795), begann auf der Grundlage der Dekrete des Konzils von Trient und mit der Unterstützung der nach Braunsberg eingeführten Jesuiten eine durchgreifende Kirchenreform. Hosius konnte die katholische Konfessionalisierung jedoch nur im Hochstift durchsetzen, wo er Landesherr war. Das Gebiet blieb bis 1945 eine geschlossene katholische Enklave in Ostpreußen.

1571 gründete die Braunsberger Bürgertochter Regina Protmann (1991 seliggesprochen) die Kongregation der Katharinerinnen, die sich der Mädchenerziehung und Krankenpflege widmete.

Nach dem Untergang des Erzbistums Riga (1566) war die Diözse de facto exemt. Alle Bischöfe widersetzten sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts der kirchenrechtlichen Unterordnung unter den Erzbischof von Gnesen. Dabei interpretierten sie die Exemtion zur Untermauerung ihrer politischen Selbständigkeit als Landesherren bisweilen auch als eine staatsrechtliche Sonderstellung. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts führten sie nach deutschem Vorbild den Titel „Fürstbischof“ (bis 1836).

Unter Bischof Simon Rudnicki wurde die Jurisdiktion des ermländischen Bischofs auch im evangelischen Herzogtum Preußen grundsätzlich wieder anerkannt und auf die in der Reformation untergegangene Diözese Samland ausgedehnt. St. Nikolai in Elbing wurde restituiert. Mittelpunkte der katholischen Diaspora waren Königsberg, Tilsit und der Wallfahrtsort Heiligelinde. Das Barockheiligtum zog seit der Vollendung im 18. Jahrhundert Pilger vieler Nationalitäten und verschiedener Konfessionen an.

Die drei schwedisch-polnischen Kriege zogen mit Unterbrechungen immer wieder auch das Ermland in Mitleidenschaft und trieben es wirtschaftlich in den Ruin. Archivalien, Bücher und Kunstgegenstände wurden nach Schweden verschleppt. Noch um 1900 soll man im Ermland gehört haben: „Betet, Kinder, die Schweden kommen“ und den Fluch: „Hol’ dich der Schwed’!“

Durch die Erste Teilung Polens verlor das Bistum Ermland seine politische Selbständigkeit und wurde in den preußischen Staat eingegliedert. Die für das kirchliche Leben negativen Folgen der Loslösung des katholischen Ermlands aus der Verbindung mit den geistigen Zentren Polen-Litauens wurden erst durch die Reformen des Bischofs Joseph von Hohenzollern überwunden.

Die Neuordnung der kirchllichen Organisation in Preußen durch die Bulle De salute animarum hatte die Erweiterung der Diözese Ermland durch Teile des ehemaligen Bistums Pomesanien zur Folge. Die Domkapitel erhielten zwar das Bischofswahlrecht, das gleichzeitig vereinbarte Breve Quod de fidelium verbot aber die Wahl eines dem preußischen König minder genehmen Kandidaten. Die preußische Kirchenhoheit trat an die Stelle der polnischen. Durch Reformen im Bildungs- und Schulwesen erwarb sich Joseph von Hohenzollern große Verdienste um die Bewahrung der Eigenart des katholisch geprägten Ermlands innerhalb des preußischen Hohenzollernstaates. Zugleich war er um die seelsorgliche Betreuung der Katholiken in der Diaspora außerhalb des alten Fürstbistums besorgt.

Die durch die preußische Gemeindeteilungsverordnung von 1821 eingeleitete Separation setzte sich im konservativen Ermland erst spät durch. Die meisten Bauern verließen das Dorf und siedelten auf ihren zusammengelegten Grundstücken in der Dorfflur, auf den sog. „Abbauten“. Die ermländische Kulturlandschaft ist geprägt von Dörfern und zahlreichen Einzelhöfen. Ermländische Geistesart spiegelt der Ermländische Hauskalender wider, dessen Profil von 1863 bis 1905 von dem volkstümlichen Priesterdichter der Nachromantik Julius Pohl geprägt wurde.

Bischof Philipp Krementz begründete 1869 die Ermländischen Volksblätter (seit 1885 Ermländische Zeitung). Die von ihm eingeleite Modernisierung der Seelsorge und des gesamten kirchlichen Lebens nach westdeutschem Muster, für die er als Forum das Pastoralblatt für die Diözese Ermland schuf, wurde durch den sog. Kulturkampf erschwert. Der Kampf zwischen dem preußischen Staat und der katholische Kirche begann 1871 im Ermland, nachdem ein Braunsberger Lehrer exkommuniziert worden war, der das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes nicht anerkannte. Benachteiligungen waren auch die katholischen Polen in den preußischen Ostprovinzen ausgesetzt. Seit 1877 wurde Dietrichswalde nach den Erscheinungen der polnisch sprechenden Muttergottes zu einem Wallfahrtsort polnischer Pilger aus dem Ermland und allen Teilen Polens.

Bei der im Friedensvertrag von Versailles vorgesehenen Volksabstimmung entschieden sich die Bewohner der westlichen und südlichen Teile Ostpreußens in ganz überwiegender Mehrheit für den Verbleib bei Deutschland.

Durch das Konkordat zwischen Preußen und dem Hl. Stuhl wurde der ermländische Diözesansprengel auf die gesamte Provinz Ostpreußen ausgedehnt. Ermland verlor die Exemtion und wurde als Suffraganbistum der neu gebildeten Kirchenprovinz Breslau eingegliedert. Die erste Besetzung eines preußischen Bistums gemäß den Bestimmungen des Konkordats erfolgte im Ermland. Pius XI. ernannte nach einer knappen Wahl durch das Domkapitel Maximilian Kaller zum Bischof. Der Seelsorger, der sich auf Rügen und in der Großstadt Berlin bewährt hatte, realisierte als einziger deutscher Bischof das von Pius XI. propagierte Konzept der Katholischen Aktion und schuf mit der intensiven Förderung des Laienapostolats unter der Leitung der Hierarchie Strukturen für das Widerstehen der Gläubigen in den schweren Zeiten der NS-Herrschaft. Diözesanwallfahrten zu den Wallfahrtsorten des Ermlands – u. a. nach Dietrichswalde, das Kaller als gleichberechtigt mit den anderen anerkannte - wurden zu Glaubenskundgebungen gegen die NS-Ideologie.

Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches führte zu Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Ermland. Im August 1945 veranlasste der polnische Kardinalprimas August Hlond unter Berufung auf päpstliche Vollmachten Kaller zum Verzicht auf die Ausübung seiner bischöflichen Jurisdiktion in dem südlich der polnisch-sowjetischen Demarkationslinie gelegenen Teil der Diözese. Pius XII. ernannte Kaller 1946 zum Päpstlichen Sonderbeauftragten für die deutschen Heimatvertriebenen. Kallers Leitbilder von der Kirche als einer wandernden Kirche und als Diasporakirche stärkten den Selbstbehauptungswillen der Ermländer, die nach Flucht, Vertreibung und Aussiedlung in der Zerstreuung ihre Existenz neu aufbauen mußten.

Kallers Nachfolger, Kapitularvikar Arthur Kather (seit 1947), prägte für die Gemeinschaft der Ermländer mit ihren im Laufe der Zeit immer zahlreicheren Gruppierungen den Begriff der Ermlandfamilie, die durch die Ermlandbriefe, den wieder belebten Ermländischen Hauskalender (seit 1965 Ermlandbuch), durch Wallfahrten (Werl), Begegnungstage und Treffen von Kreisgemeinschaften zusammengehalten wird. Für die Bewahrung ermländischer Identität von großer Bedeutung sind die literarischen Werke des Priesters Otto Miller (religiöse Lyrik, Lieder, Gedichte, Literatur und Zeitkritik, z. T. nur handschriftlich verbreitet ). Der von Kather berufene Ermländerrat wurde seit 1963 durch eine gewählte Ermländervertretung ersetzt. Sie steht bis heute dem Visitator und dem ermländischen Konsistorium zu Beratung und Mithilfe zur Verfügung.

Nach dem Abschluss des Warschauer Vertrages im Jahre 1970 erfolgte 1972 die Neuord nung der ostdeutschen Bistümer durch den Hl. Stuhl. Ermland wurde in die Kirchenordnung Polens eingegliedert (seit 1992 Erzbistum). Der bisherige Kapitularvikar Paul Hoppe wurde zum Apostolischen Visitator für Klerus und Gläubige der Diözese Ermland in der Bundesrepublik Deutschland ernannt. Unter seinem Nachfolger Johannes Schwalke (seit 1975) wurde mit einer Pilgerreise der Ermländer nach Dietrichswalde zur Hundertjahrfeier der Marienerscheinungen, bei der der dortige Kult kirchlich bestätigt wurde, ein erster Anfang eines deutsch-polnischen Miteinanders gemacht.

Die neue Freizügigkeit nach der politischen Wende in Ostmitteleuropa eröffnete für die offiziellen Kirchenkontakte und die Begegnung der Menschen neue Möglichkeiten. Für die deutsche Minderheit im Ermland führte Erzbischof Edmund Piszcz regelmäßige Gottesdienste in der Muttersprache ein.

Mit Beginn der Gültigkeit des neuen Statuts der Deutschen Bischofskonferenz schieden 1998 die Apostolischen Visitatoren der Heimatvertriebenen aus der Bischofskonferenz aus. Nach der Neuordnung der Vertriebenenseelsorge wurde für die Ermländer ein Visitator ernannt (Lothar Schlegel, seit 2000). Die Aufgabe der Heimatvertriebenenseelsorge ist nach der Aussage von Kardinal Lehmann nicht geringer geworden. „Das neue Europa braucht weitere Bemühungen, um alte Gräben zuzuschütten und die begangenen Wege der Versöhnung noch verläßlicher zu machen.“ Dabei sollte „auch Neues erprobt werden“.

Nach der Auflösung der Visitaturen durch die Deutsche Bischofskonferenz hat der Verein Ermlandfamilie e. V. die Aufgaben übernommen, Religion und Völkerverständigung durch die Wahrung und Fortentwicklung des kirchlichen und kulturellen Erbes der ehemaligen deutschen Diözese Ermland zu fördern sowie die Kontakte zur polnischen Kirchenprovinz Warmia und zum Erzbistum Moskau (Oblast Kaliningrad) zu pflegen.