Gewaltopfer der NS-Zeit im Ermland

von Johannes Götz

Von Helmut Moll

Im Schöningh-Verlag erschien das zweibändige Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ in seiner ersten Auflage. Papst Johannes Paul II. hatte die Kirche 1994 beauftragt, dafür zu sorgen, dass die Zeugnisse derjenigen nicht verloren gingen, die in den Verfolgungen des 20. Jahrhunderts an ihrem Glauben festgehalten und dafür ihren Tod in Kauf genommen hatten. Die Deutsche Bischofskonferenz beauftragte mich 1996 mit der Koordination und Herausgabe des Werkes. Rund 160 Fachleute aus dem In- und Ausland erstellten die biographischen Artikel, die in den vier Kategorien Gewaltopfer des Nationalsozialismus (1), des Kommunismus (2), der Reinheitsmartyrien (3) und Gewaltopfer in den Missionsgebieten (4) gefasst wurden (siehe: www.deutsches-martyrologium.de und Eintrag bei wikipedia). Nach drei unveränderten Auflagen boten die vierte und fünfte Auflage die Möglichkeit, das Martyrologium um weitere bis dahin neu erarbeitete Lebensbilder zu ergänzen. Seit dem Jahr 2015 liegt die sechste erweiterte und neu strukturierte Auflage vor (ISBN 978-3-506-78080-5, 2 Bände, LXXVII und 1828 Seiten), in der über 100 neue Glaubenszeugen aufgenommen worden sind. Die achte, um 81 Lebensbilder erweiterte und aktualisierte Auflage wurde 2024 ausgeliefert. Die italienische Fassung durch die Edizioni Paoline in Mailand wurde am 20. März 2007 in Rom vorgestellt.

Gerne möchte ich nach meinem Besuch in Allenstein, Frauenburg und Heiligelinde auf mit dem Ermland verbundenen Gewaltopfer der NS-Zeit hinweisen, die in den Bänden des Martyrologiums vor dem Vergessen bewahrt werden sollen.
Schwestern der Kongregation von der hl. Katharina wurden beim Ansturm der sowjetischen Soldaten 1945 in Allenstein missbraucht und umgebracht. Ihre Seligsprechung erfolgte in diesem Jahr: Sr. M. Christophora Klomfaß, Sr. M. Liberia Domnik, Sr. M. Sekundiana Rautenberg, Sr. M. Adelgard Boenigk, Sr. M. Aniceta Skibowki, Sr. M. Gebharda Schröter, Sr. M. Sabinella Angrick, Sr. M. Generosa Bolz,, Sr. M. Mauritia Margenfeld, Sr. M. Charitina Fahl, Sr. M. Leonis Müller, Sr. M. Bona Pestke, Sr. M. Gunhild Steffen, Sr. M. Rolanda Abraham, Sr. M. Tiburtia Mischke und Sr. M. Xaveria Rohwedder (vgl. die von mir mitverantworteten Lebensbilder in Band II, S. 1296-1311).
Ein Seligsprechungsverfahren ist seit 2008 eingeleitet für den Frauenburger Domkapitular i.R. Josef Steinki (vgl. Band I, S. 808-811), den Frauenburger Domherrn Prof. Dr. Bronislaus Wladislaus Switalski (vgl. Band I, S. 811-813) und Gefährten. Darüber hinaus sind über 20 Priester aus dem Ermland unter Hitler umgekommen, vor allem Pfarrer Paul Chmielewski aus Schönfelde (Kr. Allenstein), Pfarrer Bernhard Klement, der 1945 in Allenstein starb, Pfarrer Arthur Linka, und Kaplan Hugo Wessolek, der in Allenstein geboren wurde (vgl. Band I, S. 773-826). In der sechsten Auflage kam der Geistliche Religionslehrer Stanislaus Zuske hinzu (vgl. Band I, S. 826-830).
Ferner kommen schutzlose weibliche Jugendliche hinzu, die von der sowjetischen Soldateska missbraucht und umgebracht wurden (vgl. Band II, S. 1253-1255). Darüber hinaus haben erwachsene Frauen in Preußen das Reinheitsmartyrium erlitten (vgl. Band II, S. 1334-1339). Schließlich gibt es getötete Beschützer/innen von vergewaltigten Personen (vgl. Band II, S. 1359-1363).

Neu in der achten Auflage:

Domkapitular Prälat Andreas Hinzmann, der 1864 im ostpreußischen Pettelkau geboren worden war, wurde 1890 Priester. Nach seelsorglichen Einsätzen im Bistum Ermland wurde er Domkapitular. Beim Einmarsch der sowjetischen Soldaten starb er am 8. März 1945 in Neukirch-Höhe in Westpreußen (vgl. Band II, S. 1735-1739).

Der Geistliche Studienrat Eberhard Grawe, der an verschiedenen Schulen im Ermland unterrichtete, wurde nach dem Einmarsch der Sowjetunion in das Lager bei Stalino gebracht, wo er am 27. Mai 1945 verstarb (vgl. Band II, S. 1731-1735).

Der Priester des Bistums Ermland, Pfarrer Richard Ziegler, wurde 1881 in Braunsberg geboren. Nach dem Schulbesuch in Rößel und Allenstein studierte er u.a. am Lyzeum Hosianum in Braunsberg. Er war Kaplan in Heiligenthal, in Liebstadt, bis er Pfarrer in Bartenstein unweit von Allenstein wurde. Am 11. März 1945 wurde auf dem Transport in die UdSSR umgebracht (vgl. Band II, S. 1742-1744).

Pfarrer Leo Grabke, geboren 1910, studierte nach Erlangung der Hochschulreife Philosophie und Theologie am Lyzeum Hosianum. Nach seiner Priesterweihe im Jahre 1938 arbeitete er in der Seelsorge. Beim Einmarsch der Roten Armee starb er am 31. März 1945 in Bernsdorf in Hinterpommern (vgl. mein Lebensbild in Band II, S. 1729-1731).

Andreas Hintzmann
Unknown author, Andreas Hinzmann 1864 1945, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Eberhard Grave
Bruno Schwark, Ihr Name lebt. Ermländische Priester in Leben, Leid und Tod, Osnabrück 1958. 
Richard Ziegler
Unknown author, Richard Ziegler, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte mit Sitz in Frankfurt am Main hat das o.g. Hauptwerk am 22. November 2008 mit dem Stephanus-Preis ausgezeichnet. Am 20. Juli 2017 wurde mir für mein Lebenswerk der August-Benninghaus-Preis in Ankum (Landkreis Osnabrück) verliehen. Meine Bilanz „Martyrium und Wahrheit. Zeugen Christi im 20. Jahrhundert“ (Weilheim 2005; 7. Auflage 2020; 13,50 Euro) greift inhaltliche und methodische Fragen des Martyriums auf, untersucht Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Martyriumsverständnisses unter den christlichen Konfessionen und vertieft Biogramme der o.g. mit Ostpreußen verbundenen Gewaltopfer, vor allem Pfarrer Alfons Mersmann, Pfarrer Dr. Bruno Binnebesel, Dr. Dr. Lisamaria Meirowsky, der sel.Kapuzinerpater Anizet Koplin und Pfarrer Franz Boehm.

Das Einführungsbuch "Die katholischen deutschen Martyrer des 20. Jahrhunderts. Ein Verzeichnis" (Paderborn u.a. 1999; ²2000; ISBN 3-506-74777-6; 84 Seiten; 10,90 Euro), das alle (ost- und westpreußischen) Glaubenszeugen namentlich aufführt und seit Juli 2005 in vierter Auflage vorliegt, enthält in tabellarischer Form Kurzdaten zu den über 700 Glaubenszeugen, ein ganzseitiges Porträtfoto der mit einer Kanonisation Verbundenen (u.a. Sr. Teresia Benedicta a Cruce [Dr. Edith Stein] und Kaplan Gerhard Hirschfelder) sowie ein ausführliches Personen- und Ortsregister. Das von mir geschriebene „Kalendarium“ (2024) listet alle Glaubenszeugen/innen seit der 8. Auflage des Martyrologiums nach dem Sterbedatum auf. Bestellungen über mich bei 12,- Euro (Kontaktdaten). Abschließend bitte ich die Besucher der Webseite des Historischen Vereins für Ermland e.V. um Unterstützung, diese Personen durch Vorträge und Veröffentlichungen dem Vergessen zu entreißen.

Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 8., erweiterte und aktualisierte Auflage 2024, Brill I Schöningh ISBN 978-3-506-79130-6, zwei Bände, 99,- Euro, erhältlich im Buchhandel oder unter https://brill.com

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